Nun waren wir also jenseits der 72 Stunden angekommen, die Samuel ja noch um weitere 12 Stunden erweitert hatte… Schon kurz nach der Verlegung auf die Intensiv am Dienstag des Unfalls hatte man uns gesagt, dass man aufgrund der Schwere des Unfalls nicht schon wie häufig üblich nach 3 Tagen die Sedierung zurück fährt, sondern bei ihm noch bis Montag die Sedierung auf dem Niveau behält, um ihn zu schonen, sein Gehirn zu stabilisieren. Eine Reduktion der Sedierung also frühestens ab Montag… Nach der kritischen Situation des Freitags wurde dies bestätigt bzw. noch um 2 weitere Tage verlängert, also bis Mittwoch, 4.10. sollte die Sedierung unverändert anhalten.
Wir hofften also auf stabile Tage ohne kritische Hirndruck-Veränderung – und unsere Hoffnung sollte sich tatsächlich erfüllen.
Nichtsdestotrotz waren auch diese Tage „natürlich“ immer noch angsterfüllt… wird er es packen, wird er überleben?…
Am Samstag bekam Samuel Besuch von seinem Patenonkel Bernd aus Hameln. Das ist ja nicht mal eben so um die Ecke – und umso schöner, dass Bernd sich auf den Weg gemacht hat und dann auch den Anblick auf der Intensivstation aushielt – den Samuel, den wir kennen, plötzlich verkabelt und verbunden, irgendwie leblos, überwacht von vielen Monitoren zu sehen, das ist nichts für schwache Nerven…
Auf dem Weg nach HH hielt ich noch kurz bei einem Freund an, der vor einigen Jahren seinen ältesten Sohn ebenfalls durch einen Verkehrsunfall verloren hatte – er verstarb in der Nacht nach dem Unfall. Sich jetzt zu treffen, tat gut, da brauchte es keine vielen Worte, eine Umarmung machte deutlich: wir verstehen einander…
Ich sprach ja schon an verschiedenen Stellen von guten Weggefährten. Wenn ich hier und da einzelne rausgreife und andere nicht, ist damit keine Wertigkeit verbunden. Wie gesagt: ich möchte hier keinen Perfektionismus erreichen – und eher kleine „Sternmomente“ benennen, die mir im Gedächtnis geblieben sind.
Einer dieser schönen, bewegenden, wenn auch sehr tränenreichen Momente war der „MomentMal“, der Gottesdienst in meiner ehemaligen Gemeinde in HH-Eidelstedt am Sonntag Abend (1.10.) um 18h in der Christuskirche (übrigens an jedem ersten Sonntag im Monat um 18h – hier endet der Werbeblock ;-)…). An der Entstehung dieses Gottesdienstes durfte ich in den ersten 3 Jahren seines Daseins kräftig mitwirken – und auch sonst gibt es in Eidelstedt nach wie vor viele liebe Menschen, mit denen ich auch immer noch in Kontakt stehe. Und der dortige Pastor, Dirk Fanslau (mit dem ich selbst noch zusammenarbeiten durfte – und mit dem ich seitdem freundschaftlich verbunden bin) ermutigte mich, am 1.10. vorbeizukommen und, wenn ich das möchte, auch für mich und unsere Familie beten zu lassen.
So ging ich hin, nahm neben Dirk Platz – und fast den ganzen Gottesdienst über liefen meine Tränen. Immer wieder wurde ich von Worten bzw. Liedern ganz direkt berührt und merkte, wie sehr vieles auch gerade in meiner, in unserer Situation „ins Schwarze traf“. Manches, was man sonst oft leichtfertig, locker-flockig dahin singt, bekam mit einem Mal ein ganz anderes, ein viel tieferes Gewicht!
Nach der Predigt folgte eine Gebetszeit. Zunächst durften Kerzen angezündet und still gebetet werden oder aber eben Gebete aufgeschrieben werden. Bevor einige dieser aufgeschriebenen Gebete vorgelesen wurden, wurde ich nach vorne gebeten und neben Dirk Fanslau haben noch zwei weitere Personen aus der Gemeinde für uns gebetet und mir die Hände aufgelegt. Das war bewegend und einfach kraftspendend, es hat sehr gut getan. Bewegend war auch die Tatsache, dass eine der Personen, die vorne standen, selbst vor einigen Jahren eine schlimme Krankheitsphase durchmachen musste, in der viele Leute auch für sie gebetet haben – ich selbst kann mich an Gebetsnächte erinnern, die wir für sie und ihre Familie abgehalten haben. Und nun stand sie da und betete für mich, für uns. Whow!
Nach dem Gottesdienst gab es noch viele Umarmungen, trostreiche und ermutigende Worte, Fragen, Augen-Blicke… Es tat gut, dort gewesen zu sein, auch wenn ich hinterher „fix und alle“ war.
Über den darauffolgenden Montag lässt sich in Bezug auf Samuel wenig berichten. Er hatte stabile Werte, wir waren viel bei ihm, aber eben auch oft mal auf dem Gelände des UKE unterwegs, brachten persönliche Dinge vorbei, wie z.B. einen Teddy und ein selbstgenähtes „Schnuffeltuch-Kissen“ usw.
(beides wurde dann leider eine Woche später verloren, da es in den Untiefen der UKE-Wäscherei verschwand. Schade, aber es gibt Schlimmeres)
Der Abend des 2.10. war zumindest in der Situation, in der wir uns befanden, etwas „untypisch“… – wir waren auf einem Konzert! Der von uns geliebte und geschätzte Reinhard Mey (mittlerweile auch schon 75 Lenze jung) hatte einen Auftritt in der BarclayCard-Arena – und wir hatten uns direkt bei Vorverkaufsstart vor ca. einem Jahr ziemlich gute Plätze gesichert und uns eben auch schon fast ein Jahr auf diesen Abend gefreut. Wir haben ein bisschen überlegt, ob wir das wirklich machen sollten… aber wir waren uns sicher, dass Samuel das bestimmt wollen würde, dass wir uns diesen Abend gönnen (er findet manche Lieder von Mey auch prima) – schließlich haben wir seit über 13 Jahren keine einzige Mey-Tournee verpasst… Und wir dachten: inmitten aller Schwere unserer Situation tut uns das vielleicht auch einfach mal gut.
Und so war es auch! Natürlich: Reinhard Mey hat eine gewisse Melancholie in vielen Liedern, es war sentimental, emotional… und oft auch zu Tränen rührend. Wir waren ganz froh, dass er diesmal nichts über seinen Sohn sang, der über 5 Jahre im Wachkoma gelegen hatte und erst vor ein paar Jahren gestorben ist… das hätten wir wahrscheinlich nur schwer ausgehalten. Aber er ist eben auch jemand, der trotz dieser Schwere auch das Komische, Ironische und Liebevolle im Leben weiter besingt – und vielleicht hat gerade das uns eben auch gut getan.
So sind wir mit einem guten Abend in diese Nacht gegangen – im Herzen viele gute Melodien und natürlich weiter die bange Frage: was wird werden?!?…
