Losung von Donnerstag, 12.10.2017
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.
Jeremia 29,11
Zukunft und Hoffnung!
….
Nach den doch ermutigenden Erkenntnissen der MRT-Besprechung am Mittwoch Abend gingen wir zum ersten Mal ohne eine bleierne Schwere in die nächsten Tage. Die Angst, Samuel zu verlieren oder ihn als dauerhaft wachkomatösen oder schwerst zerebral geschädigten Jungen zu behalten und dabei aber ja doch so viel von dem zu verlieren, was ihn in seinen ersten knapp 12 Lebensjahren ausgemacht hat, wurde kleiner bzw. wich fast ganz. Ja, wir haben zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wie er wieder ins Leben zurückfinden würde, aber es gab doch bisher schon so viel ermutigende Anzeichen:
– keine Schädigung des Hirnstamms
– durch die bisherigen Bildgebungen sind keine irreversibel geschädigten Stellen zu erkennen
– relativ oft fielen Sätze der Ärzte wie: „wir können es nicht versprechen, dass Ihr Sohn wieder der Alte wird, aber ausgeschlossen ist es nicht“// wir sind sehr zuversichtlich// er macht es gut bisher… usw.
Und in diesen Tagen, wo begonnen wurde, die Sedierung zurückzufahren, sind eben auch schon vereinzelte Bewegungen der Arme, Beine, Hände, Füße zu sehen, sogar die Gesichtsmuskulatur zeigt erste Bewegungen…
Leider hält sich das Fieber hartnäckig… wobei: nun, nachdem die Ärztin am Mittwoch ihren „Verdacht“ geäußert hat, dass das Fieber wohl runter gehen würde in den kommenden Tagen… geht es auch runter. Zwar langsam, aber doch stetig… wir sprechen nicht mehr über 40° und mehr, sondern bewegen uns bei ca. 39°… (Freitag) – das lässt hoffen! Mit abnehmendem Fieber wird Samuel auch agiler, allerdings wird nun auch erkennbar, dass er mit Entzugserscheinungen zu tun hat… Zittern der Gliedmaßen, kalter Schweiß auf seinem Gesicht… Er ist immer recht dankbar, wenn er Berührung und vertraute Stimmen spürt, dann legt sich zumindest die Zittrigkeit. Allerdings wird man nun dazu übergehen, auch Medikamente zu geben, die die Entzugserscheinungen minimieren. Die Kehrseite dieser Medikamente: auch sie machen müde, schläfrig – und auch sie haben ein gewisses Abhängigkeitspotenzial. D.h. die Aufwachphase dauert länger und auch hier schließt sich dann irgendwann eine „Ausschleichphase“ an…
Es ist schon merkwürdig. Ursprünglich dachte ich: er wird 4 Tage sediert, dann werden die Medikamente 4 Tage ausgeschlichen und nach 8 Tagen macht er dann die Augen auf und sabbelt…
Das war wohl nix! Und trotzdem: keine Angst! Das wird alles kommen, zu seiner Zeit, so heißt es immer wieder… Und: ich darf mich immer wieder daran erinnern, dass Samuel Zeit seines Lebens ein sensibel reagierender Mensch war und auch jemand, der sich für manche frühkindliche Entwicklungsschritte etwas mehr Zeit genommen hat als andere…
Von daher: alles „im Soll…“
Bald nach der MRT-Besprechung klären sich die nächsten Schritte: am Montag würde aller Voraussicht nach die Verlegung nach Geesthacht erfolgen – und ggf. auch vorher noch mal ein Umzug auf eine normale Kinderstation. Nach eineinhalb Wochen Intensivstation und einer Schockstarre zwischen Leben und Tod nun also klar focussierte nächste Schritte… Auch das muss man erstmal unter die Füße bekommen…
Am Samstag war es dann tatsächlich so weit: Samuel kam auf ein ganz normales Krankenzimmer auf einer „ganz normalen“ Kinderstation. Nach der Zeit auf den Intensivstationen, wo er immer am Fenster lag, bekam nun sein Bettnachbar dieses Privilleg… Ein Junge, dem ein Augenlid immer zu fiel und der von daher eben nur auf einem Auge schauen konnte. Ansonsten war dieser Junge jedoch putzmunter und war möglicherweise auch etwas enttäuscht, dass Samuel nichts anderes tat als schlafen. (am Sonntag bekam dieser Junge dann auch ein anderes Zimmer zugewiesen, das war dann wohl auch besser so).
Das Fieber schien Samuel im Fahrstuhl zwischen der Intensivstation und der Normalstation gelassen zu haben… als dort seine Temperatur gemessen wurde, war sie auf Normalniveau. Wer sagt’s denn!?! 😉
Die Beatmung war weg, Samuels Atmung hatte sich soweit stabilisiert, dass hier nichts mehr an Unterstützung nötig war. Natürlich wurde noch Blutdruck, Herzfrequenz u.ä. gemessen und er bekam weiter viele Medikamente durch einen „ZVK“ – einen zentralen Venenkatheder“, der ihm aber noch gezogen werden sollte, bevor er den Weg zur Reha antritt. Und natürlich die Magensonde, durch die weiterhin ernährt wurde…
(by the way: noch mal zur Erinnerung… ich schildere das hier nicht als medizinischer Fachmann, sondern als Papa… – es kann gut sein, dass mir ein Arzt, eine Krankenschwester oder ähnliche Fachkenner zurecht hier und da widersprechen… aber mein Anspruch ist ja auch keine „medizinische Dokumentation“… Trotzdem: falls es irgendwas Wesentliches gibt, was ich hier vertüddel, könnt ihr das gerne in einem Kommentar richtig stellen…)
Zwei Besonderheiten bot dieser Samstag noch: das eine war der Besuch der großen Schwester an seinem Bett! Katharina hatte Samuel bisher noch nicht gesehen und konnte ihm nun zum ersten Mal wieder begegnen. Es waren tränenreiche Momente… aber wie sie selbst sagte „überwiegend Freudentränen“… Sie half sogar mit, seine SCHUTZHOSE (niemand würde bei einem 11jährigen Jungen von einer WINDEL sprechen…) zu wechseln, nachdem die Hose ziemlich voll… also, ähhh, ja, neee, keine weiteren Infos… – aber ich fand es beeindruckend, dass sie das gemacht hat. Sie hat sich rührend und ganz liebevoll um ihren Bruder in seiner momentanen Situation gekümmert, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. Katharina, die GROSSE!!!
Das zweite, was für mich diesen Tag ganz besonders gemacht hat: Samuel blickte mich an! Seine Augen öffneten sich, er versuchte, mich zu fixieren, was ihm aber nicht wirklich gelang, es war mehr ein „durch mich durchgucken“…
Und dennoch: dieser erste Augen-Blick war für mich einfach phänomenal. Als ich an diesem Abend zurück nach Winsen fuhr, heulte ich Freudentränen ohne Ende. Natürlich… auch hier wusste ich noch nicht, wie ich ihn eines Tages wiederbekommen würde… aber zu erleben, dass er seine Augen wieder öffnet, war eines der größten Wünsche, die ich hatte, seitdem er ins UKE gekommen war.
„Geweint vor Glück“ – dieses Lied von PUR ging mir nicht nur an diesem Tag viel durch den Kopf:
