ein weites Fenster wird geöffnet (Fr. 27.10.-So. 29.10.2017)

Samuel macht nicht nur kleine Schritte, er macht Sprünge, „Quantensprünge“, wie es ein Pfleger schon häufiger sagte. Das ist alles erstaunlich, gott-lobens-wert, phantastisch… und dennoch: gegen manche Ängste kommt all das nicht an. Ich weiß, dass ich mich hier wiederhole… aber wenn man keine Erfahrung mit all dem hat, baut man auf das, was man sieht – und das ist einerseits (verglichen mit seinem Zustand während der Wochen auf der Intensiv-Station) schon recht viel – und andererseits, verglichen mit seinem Zustand vor dem Unfall, noch immer recht wenig, befremdlich und daher auch beängstigend. Manchmal denke ich in diesen Tagen und Wochen, dass ich jetzt nachempfinden kann, was „manisch-depressive Züge“ sind. Es gibt Momente, da bin ich himmelhochjauchzend jubilierend über die Entwicklungsschritte, die Samuel macht und ich habe quasi die vollständige Genesung greifbar vor Augen, nichts gibt es, was dem entgegensteht. Und dann gibt es Momente wie z.B. Donnerstag Abend, wo wir Samuel im Rollstuhl in den Tagesraum gefahren haben und eine Therapeutin versucht, mit unterschiedlich farbigen Klötzen ein Spiel, ähnlich wie „mensch ärgere dich nicht“ mit Samuel anzuleiern – und es kommt… NICHTS! Keine Reaktion. Kein Kopfdrehen, kein Nicken, kein gezielter Blick, geschweige denn ein Griff zu einer Spielfigur oder mehr. Und das macht mir Angst. Manchmal sind das die Bilder, die Eindrücke, mit denen ich dann nach Hause fahre. Da bin ich dann stumm, in mich gekehrt… und wenn es zum Gespräch mit meiner Frau kommt, kann es schon mal passieren, dass wir beide schlecht schlafen, weil ich sie mit meinen Ängsten eher „anstecke“.
Nach einer solchen Nacht kommt nun also der Freitag. Der beginnt schon mal denkbar schlecht, weil unsere dreijährige Charlotte merkwürdige Pusteln an Händen und Füßen und im Mund hat. Also: Kinderarzt. Diagnose: Hand-Fuß-Mund. Na suuuuuuper. Das Blöde ist gar nicht die Krankheit an sich und auch nicht die Tatsache, dass sie an diesem Freitag nicht in den Kindergarten kann… das Blöde ist, dass diese Geschichte höchst ansteckend ist und eine Inkubationszeit von einigen Tagen hat… D.h. auch wenn Charlotte selbst nicht bei Samuel war… vielleicht hat sie Elisabeth angesteckt und die widerum Samuel…
Und wir sahen uns schon in der misslichen Situation, dass Yvonne gar nicht mehr zu Samuel darf, weil Elisabeth nun auch nicht mehr dort hin darf und dann… hätten wir ein Problem.
Glücklicherweise kam es nicht dazu, dass Elisabeth der Zugang zu Samuel verwehrt wurde – wir mussten nun in diesen Tagen einfach dolle aufpassen, dass wir uns desinfizieren und einfach sehr achtsam mit dem Thema Hygiene umgehen…
Yvonne berichtete mir mittags via whatsapp, dass sie ein gutes Gespräch mit der dortigen Ärztin hatte, auch über unsere Ängste – und dass diese Ärztin auch angeboten hatte, ebenfalls mit mir zu reden.
Ich fuhr so nach Geesthacht, dass ich die Ärztin gerade noch vor Feierabend erwischen konnte – und: es war ein sehr gutes Gespräch! Sie machte mir noch mal deutlich, wie froh wir alle über Samuels Fortschritte sein können und – schlussendlich – kam dann ein Satz, den ich seitdem mit mir trage und wie ein weit geöffnetes Fenster in eine gute Zukunft empfinde: „Ich bin mir recht sicher, dass Ihr Sohn wieder ein fröhliches Schulkind wird!“ Er hat möglicherweise langfristig mit Konzentrationsstörungen zu kämpfen – aber damit könne man ja umgehen….
Auch, wenn niemand zum heutigen Tag sagen kann, wann Samuel wieder soweit hergestellt sein wird, dass er wieder zur Schule gehen kann (ob nach den Weihnachtsferien, ob Ende Februar, ob nach Ostern oder ob noch später…): diese Aussage ist so, dass ich sie wirklich als gute Grundlage für die vielen Kämpfe und die langen Wege nehmen kann, die noch vor uns liegen! Er wird es packen! Keine 100% Garantie, aber doch weit mehr als ein Wunsch, eine „Vermutung“, ein „zuversichtliches Hoffen“. Samuel, wir gehen diesen Weg mit dir und freuen uns auf die Fortschritte, die du machst!
Und so können wir aktuell schon wieder staunen: über Samuels erste Töne! Er spricht JA, zwar noch brüchig, leise, aber doch manchmal schon mit Ton. Wie wunderbar! Er spricht Sätze wie „Ich möchte was essen“ flüsternd, aber doch deutlich vernehmbar. Oh wie wunderbar!
Die große Schwester, Katharina, fährt heute für 4 Tage nach Hanstedt ins „MZ“ (Missionarisches Zentrum), um an einer Kinder-Kurz-Freizeit teilnehmen zu können. Ursprünglich wollte sie zusammen mit Samuel dorthin fahren – wir sind aber froh und dankbar, dass sie dennoch fährt und Lust auf ein paar unbeschwerte Tage in einer guten Atmosphäre hat. (by the way: keine Werbung, aber doch an dieser Stelle der Link zum Haus bzw. zum Verein, der dahinter steht… da das MZ Hanstedt auch für mich schon seit über 30 (!) Jahren ein wichtiger Ort war und geblieben ist: www.fmd-online.de)
Und der Papa nimmt sich abends ein ganz klein wenig Zeit für „kulturelle Zerstreuung“: Eric Wehrlin, ein großartiger christlicher Schauspieler aus Österreich, gastiert in Buxtehude (dortige FeG) mit seiner „Espresso-Bibel“, ein kurzweiliger Gang durch diverse Bibelgeschichten des AT und NT. Ich bin froh, dass ich diesen Abend zusammen mit einem alten Freund aus der Heimat erleben kann – umrahmt von guten Gesprächen mit ihm. Ein toller Abend, wirklich!
Samstag und Sonntag verlaufen relativ unspektakulär – es gibt Sonntags ja auch keine therapeutischen Anwendungen und Samstags auch nur auf Sparflamme. Etwas blöde, denn wir möchten Samuel so gerne helfen, die Magensonde loszuwerden, das klappt aber nur mit genügend Training… Da z.Zt. aber diese Nahrung noch nicht „freigegeben ist“, was bedeutet, dass nur die Logopäden und eben keine Angehörigen oder Pflegekräfte dieses Essen verabreichen dürfen, sind wir ein bisschen in der Warteschleife. Noch mal mehr mit der Aussicht, dass am Dienstag ein Feiertag ist und schon wieder nix passiert, therapeutisch gesehen.
Am Samstag hat Yvonne dann endlich auch mal wieder etwas mit Charlotte unternehmen können – bei Schmuddelwetter zum Kiekeberg, dem Freilichtmuseum. Das tut Charlotte gut und sie tankt dabei richtig auf.
Am Sonntag waren wir zum ersten Mal seit dem Unfall wieder gemeinsam im Gottesdienst – also Yvonne und ich, zusammen mit unseren beiden kleinen Mädchen. Das tat uns allen gut, zumal ja auch in der Gemeinde weiterhin kräftig gebetet wird und nach dem Gottesdienst das eine oder andere einfühlsame Nachfragen da war. Eingebunden zu sein in eine große Gemeinschaft, gemeinsam sich an „Glaube, Hoffnung, Liebe“ auszurichten – das tat gut. Anschließend fuhr Yvonne dann zu Samuel, wo am Vormittag endlich mal wieder seine Patentante Sara sein konnte. Samuel  und ich haben uns an diesem Tag mal ausnahmsweise gar nicht zu Gesicht bekommen – aber, soviel kann ich hier schon verraten: er hat es mir am Montag nicht krumm genommen! 🙂

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