An diesem Dienstag wird Samuel morgens von seiner Patentante besucht, was uns als Eltern mal wieder ein wenig Gelegenheit gibt, zumindest ein paar ruhigere Minuten zu zweit zu haben. Nach einem gemeinsamen Frühstück machen wir uns dann zusammen auf den Weg in Samuels Schule: am Montag nach den Herbstferien – das ist nun auch schon vier Wochen her – war ich zuletzt dort. Der „Erstbesuch“ Mitte Oktober war emotional viel schwerer, da Samuels Situation in den Tagen noch viel unklarer war als mittlerweile. Nun können wir den Mitschülern sagen, dass Samuel schon dabei ist, das Laufen wieder zu lernen, dass er wieder spricht und eigentlich „fast alles“ bis auf das Kurzzeitgedächtnis schon wieder beinahe im ursprünglichen Zustand ist. Die Erleichterung darüber war in den Gesichtern abzulesen. Natürlich: auch jetzt können wir noch keine Prognosen abgeben, wann Samuel wieder entlassen wird – aber die Mitschüler spüren, dass es eine gute Perspektive gibt!
Nach diesem Besuch in der Klasse haben wir noch einige Minuten mit den Klassenlehrern – und auch hier ist es ein „Grundton der Erleichterung“, der das Gespräch bestimmt. Und die klare Aussage, dass einer Rückführung in die bisherige Klasse von Seiten der Schule nichts im Wege steht. – Wir sind weiter gespannt, hoffen und beten, dass es auch „von Samuels Seite her“ gut möglich sein wird, wieder in seiner bisherigen Klasse anzudocken…
Ende April 2018 steht eine Klassenfahrt an – und wir wollen fröhlich und hoffnungsvoll davon ausgehen, dass Samuel auch dabei sein wird. Deshalb wird Yvonne auch am Elternabend am heutigen Dienstag teilnehmen, wo es um diese Fahrt gehen wird. Und wir denken wieder mal: wie schön ist es und wie dankbar sind wir, dass wir solche Termine wahrnehmen dürfen – auch wenn Elternabende nicht zwingend zu den „erlabendsten“ Erlebnissen gehört, die Mann und Frau sich so vorstellen können. Aber alleine die Tatsache, DASS ist ein Geschenk! 🙂
Nach diesem Besuch in der Schule fahre ich nach Geesthacht, da ich nachmittags und abends noch Termine in Fuhlsbüttel wahrnehme. Die „Übergangszeit“ zwischen dem Vormittagsbesuch und meiner Anwesenheit nutzt Samuel, um „auszubüxen“… er düst unbemerkt von allen mit dem Rolli von Station weg und macht sich auf den Klinikfluren auf die Suche nach Papa, da er ja weiß, dass ich kommen will… – Das sorgt für ein „nicht so gutes Bauchgefühl“… diese Ahnung, dass er zwar sehr mobil ist, aber mental einfach noch nicht so weit, um Gefahren abzuschätzen… wir müssen ihn einfach nach wie vor stark im Auge behalten und deutlich absprechen, wann wer auf ihn acht gibt. Nicht mehr lange… hoffentlich… aber aktuell eben doch noch…
„Erschwerend hinzu“ kommt an diesem Tag, dass Samuel für ein Schlaf-EEG ein Schlafmittel bekommen hatte, das am Anfang noch nicht so anschlug… also mehr davon… tja… und jetzt ist er zusätzlich noch „durch den Wind“, hat leichte Halluzinationen usw…
Der Logopäde gibt uns an diesem Tag noch mal die Rückmeldung, dass er das mit dem „nicht vorhandenen Kurzzeitgedächtnis“ bei Samuel für sehr bedenklich hält… – Er hatte schon öfter Bedenken und schon öfter hat Samuel ein paar Tage später gezeigt, dass das alles unbegründet war. Darauf hoffen wir auch diesmal… Der Logopäde macht halt immer wieder den „Wochentags-Kurztest“ mit Samuel: „Welcher Wochentag ist heute?“ (Dienstag!) – Samuel antwortet: MONTAG. Dann wird er korrigiert. Wenn er dann eine Stunde später wieder gefragt wird, ist die Antwort wieder MONTAG. … Daran kann man viel festmachen… muss man aber nicht… ich denke mir so: Wenn ich in einer Klinik wäre, wo jeder Tag gefühlt gleich abläuft, wenn ich unter dem Einfluss von Schlafmitteln UND Clonidin wäre… dann würde ich auch die Wochentage durcheinander kriegen, ganz egal, ob ich ein Schädel-Hirn-Trauma hatte oder nicht… Naja, wie gesagt: ich bin eigentlich guten Mutes, dass sich das mit der Zeit gibt. Gleichzeitig ist es ja auch gut, dass es diese Rückmeldungen gibt und einfach Leute da sind, die für die (ausbleibenden) Entwicklungsschritte sensibilisiert sind und sich kleine Kniffe überlegen, um ihn zu fördern…
An diesem Tag bekommt unsere große Tochter ein Paket mit „kleinen Freuden“ für zwischendrin. Das ist toll! Denn so schön es ist, dass Samuel so viel Aufmerksamkeit und Aufmunterung bekommt: es ist gut, dass manche eben auch sie im Blick haben, die mit ihren jetzt bald 13 Jahren auch irgendwie sowieso schon „zwischen Baum und Borke“ ist… Wir möchten ja alle 4 Kinder im Blick haben – und Elisabeth ist gut versorgt, weil sie Mama hat, Charlotte hat ihre Kita und auch meistens viel Zeit mit einem von uns oder eben auch dem Nachbarsjungen, mit dem sie gerne spielt… Katharina hat da „ganz andere Ansprüche“, die wir oftmals in dieser Phase nicht so leicht bedienen können. Von daher: wie gut, dass manch andere das durch solche Gesten auch im Blick haben!!!
Ich bin, wie gesagt, an diesem Tag noch in Fuhlsbüttel, in meiner Gemeinde. Eigentlich noch bis Ende November freigestellt, will und kann ich heute bei zwei Terminen dabei sein: zunächst ist ein „Laterne-Laufen“ der Kita, wo ich für die „Start-Andacht“ mit verantwortlich bin. Das ist auch so rührend: mir werden ganz viele selbstgemalte Bilder der Kinder FÜR SAMUEL überreicht, eine Schachtel voll mit selbstgebackenen Keksen in Engelform und ein kleiner Holz-Engel, der für Samuel sein soll. Das ist wirklich schön. Und ich konnte den Kindern von dem Martin von Tours erzählen, der für andere ein Licht gewesen ist – und habe ihnen erzählt, dass ihre lieben Gedanken und Gebete für Samuel auch ein Licht gewesen sind… ich erzählte vom „Lichtbogen“, den Yvonne ganz am Anfang der Zeit auf der Intensivstation über Samuels Bett empfunden hat – wie ein Licht aus Gebeten für Samuel. Und ich habe den Kindern erzählt, dass ich fest davon überzeugt bin, dass ihre Gebete und guten Gedanken Teil dieses „Lichtbogens“ waren und eben auch Anteil der Genesung sind.
Nach einigen guten Gesprächen mit vielen Eltern der Kita ging es dann noch zur Jahresplanung 2018. Ein wichtiger Termin… und gleichzeitig noch so ungewiss… Ich habe im Januar/Februar „Teilzeit-Monate“, weil ich noch „Elternzeit-Plus“-Anteile für die Geburt von Elisabeth nehmen kann… und erst danach denke ich, wird Samuel wieder zu Hause sein. D.h. auch für meine Jahresplanung, dass ich zumindest das erste Quartal nur mit angezogener Handbremse angehen kann. Aber ich versuche, zu planen und Ideen einzubringen. Dass man etwas nicht machen kann oder dann doch wieder streichen muss… diese Möglichkeit steht natürlich auch im Raum…
Der Mittwoch ist der letzte „Clonidin-Tag“. Wie schön! Endlich ist die lange Zeit (über 7 Wochen) der Medikation vorüber. Es dauert nun auch noch ein bisschen (ca. 1-2 Wochen), bis die Medikamente komplett aus dem Körper raus sind. Mein Gefühl ist aber: Wenn die Zeit vorüber ist, wird Samuel noch mal ganz andere Möglichkeiten haben, wieder „anzugreifen“ und sich in seine Welt zurück zu kämpfen!
An diesem Tag fahre ich wieder nachmittags zu ihm… vormittags hab ich dann noch das Vergnügen, die Post zu sichten. Positiv bzw. mega-erfreulich: Post für Samuel aus Schweden! Eines meiner „groß gewordenen Patenkinder“ ist gerade für ein Jahr in Schweden und hat Samuel einfach mal eine Karte geschrieben und ein „schwedisches Leckerli“ mit rein gelegt. Das war wirklich klasse!
Nicht so erfreulich bzw. „schwer schockierend“ war an diesem Tag Post der Krankenkasse: „Ihr Antrag auf Verdienstausfall für November wurde abgelehnt“ steht da. WTF!?!?!!! Über 2000,- € weniger Gehalt für November, da ich ja nun offiziell unbezahlten Urlaub nehme?!?… Au weia! Aber ein Anruf bei der Krankenkasse klärt sofort auf: ein wichtiges Dokument, um meinen Antrag zu bewilligen, war noch nicht eingetroffen, deshalb wurde das Ganze abgelehnt. Dieses Dokument ist mittlerweile da – und von daher steht der Genehmigung nix mehr im Wege. Puh… 2000,- € wären eine Menge Holz gewesen. Gott sei Dank!
Als ich bei Samuel bin, wird deutlich, dass er die „Schlupfwindel“ – eine Art Windel in Unterhosen-Form – mega peinlich findet und nicht mehr möchte. Das ist klasse! Denn das zeigt ja auch, dass er dabei ist, das nötige Körpergefühl wieder zu erlangen und auch, dass er in der Lage ist, seine momentane Situation immer stärker zu erfassen und zu reflektieren. Und so freue ich mich über seinen Protest. Das fand er vielleicht komisch – aber irgendwann wird er mich da verstehen!
Wir haben an diesem Nachmittag relativ ausgiebig „Stadt-Land-Fluss“ gespielt – etwas, das ihn ja auch in guter Weise herausfordert. Beim Buchstaben D fiel ihm kein Fluss ein, dafür kam der Beruf aber wie aus der Pistole geschossen: DIAKON!
Yay! 😉
Am Abend erreicht mich noch die Nachricht, dass die Pressetexte und die Plakate für die Benefiz-Lesung am 6.12. fertig sind. Eine wirklich tolle Aktion – ich bin mega dankbar und begeistert von den Menschen, die sich dafür einsetzen. Möge viel zusammen kommen, damit Samuel und anderen Kindern mit SHT geholfen werden kann (ich stelle nachher noch einen Blogtext mit dem Pressetext und einem Plakat hier rein)
An diesem Donnerstag müssen wir morgens zur Polizeiwache, unter anderem, um die Klamotten von Samuel wieder ausgehändigt zu bekommen, die er am Unfalltag trug. Dazu auch sein Fahrradhelm. Die Klamotten wurden am Unfallort aufgetrennt… – und sein Fahrradhelm war, bis auf einen kleinen Kratzer, unversehrt. Es war einerseits merkwürdig, dort auf der Wache zu sein – und andererseits haben wir auch gedacht: „wie gut, diesen Termin unter diesen Umständen wahrnehmen zu können“… Hätten wir seine Sachen von der Wache holen müssen in dem Bewusstsein, dass Samuel tot ist und wir ihn fortan nur auf dem Friedhof werden „sehen“ können… nicht auszudenken! Wir sind auch hier FROH UND DANKBAR!
Nachmittags sind wir zum ersten Mal zusammen mit Samuel im „Café Sonnenschein“ in der Helios-Klinik – und er genießt es sichtlich, sein erstes Eis seit so vielen Wochen zu essen. Na klar: Schokolade. 3 Kugeln. Es sei dir gegönnt, mein Sohn!
Nach einer Woche „Einzelzimmer-Dasein“ ist dieser Status nun wieder beendet… – ein 13jähriger Junge ist nun mit auf seinem Zimmer, der schon im UKE auf der Intensivstation Bettnachbar gewesen ist… allerdings haben beide in der damaligen Situation nichts voneinander mitbekommen, da beide tief sediert waren. Theo hat ebenfalls eine Kopfverletzung bzw. eine Hirnblutung gehabt, die allerdings nicht durch einen Unfall verursacht wurde. Theo war nur 9 Tage nach Samuel eingeliefert worden, blieb aber bis jetzt im UKE. Nichtsdestotrotz hat sich sein Zustand auch schon „mächtig/prächtig stabilisiert“, so dass sich beide jetzt miteinander auf den Weg der Genesung machen können und hoffentlich auch gegenseitig „anstacheln und anfeuern“, Stück für Stück wieder an das bisherige Leben anknüpfen zu können!
Vor uns liegt das letzte Wochenende auf dieser Station IMC, bevor es dann am Montag auf die „Station A“ (eine „normale Kinderstation“) geht…
In den letzten Tagen kommt von Samuel übrigens täglich die Frage danach, wann er denn wieder nach Hause kann. Das sind schwierige Momente. Aber gut ist es, dass ab jetzt (bzw. ab kommender Woche) auch wieder vermehrt Besuche von Freunden usw. möglich sind… was ihm hoffentlich auch ein Gefühl von Zuhause vermittelt. Und ich habe ihm gesagt, dass er einfach super gut bei allen Therapien mitmachen muss – umso schneller ist der Weg nach Hause möglich…

Dear Heins family, our hearts, thoughts and prays have been with you and Samuel for the last weeks. We are very happy to read such exciting news about Samu‘ recovery.
Otto is still quite young to understand the severity of the accident, but he does understand how big of a victory means all the latest improvements. He celebrates all the good news that we give him on Samu waking up, speaking, singing, taking off his cast, riding the rolli, walking again… he is looking forward to join Samuel on their Beyblade matches anytime soon. 🙂
Please send our best wishes to Samu and all your family and friends.
With love,
Lucas, Tamy, Julia and Otto Ribeiro.