An diesem Montag soll also nach knapp 5 Wochen (whow, so lange sind wir nun schon hier in Geesthacht) die nächste „Stufe“ erklommen werden: der Umzug auf die neue Station, die „Station A“ steht an. Hier wird einiges anders sein, das merken wir schon in den ersten Tagen. Doch der Reihe nach:
Am frühen Vormittag sind noch ein paar Therapie-Einheiten auf der bisherigen Station, während die Klamotten und persönlichen Habseligkeiten bereits auf das neue Zimmer rüber gewandert sind. Nach diesen Einheiten geht es aber nicht etwa auf die neue Station, sondern auf „große Fahrt nach Winsen“! Denn: ein Augenarzt-Termin steht an. Innerhalb der nächsten Tage wäre ohnehin ein Termin bei der „ihm vertrauten Augenärztin“ in Winsen gewesen – und so wurde das einfach vorverlegt. Mit „Rolli-Taxi“ ging es dann also an diesem kalten und verregneten Tag, zusammen mit Mama und der kleinsten Schwester los in Richtung „Zuhause“. Wie das bei Arztterminen oft so ist, war auch hier Warten angesagt – oder besser: das Taxi war extremst zu früh vor Ort… Naja, umso besser: ein kurzer, leckerer Zwischenstop beim Bäcker konnte diese Zeit im wahrsten Sinne des Wortes versüßen!
Der Augenarzt-Termin hat dann ergeben, dass es bei Samuel „partielles Doppelbilder-Sehen“ gibt, was sich aber nicht weiter therapieren lässt im Moment – und sehr häufig ist es so, dass sich das einfach so im Laufe der Zeit zurück bildet. Also abwarten… das kennen wir ja schon!
Da der Termin relativ schnell rum war und das Taxi noch nicht wieder vor Ort, gab es noch die Gelegenheit, bei dem „Friseur des Vertrauens“ einen Zwischenstop einzulegen – nach vielen Wochen Krankenhaus war auch das ein Termin, der ein bisschen mehr Lebensqualität bedeutet hat.
So ein Ausflug ist anstrengend – und so bekam ich einen recht müden Sohn wieder mit auf den Weg nach Geesthacht: den Nachmittag hatten wir dann wieder gemeinsam. Während der Autofahrt hatten wir ein paar kurze Gesprächsfetzen, bei denen ich merken konnte, dass es mit dem Kurzzeit-Gedächtnis zwar schon ein ganz klitzekleines bisschen besser war als an den Tagen vorher, aber dennoch waren viele Lücken da und auch immer noch viel „wiederholtes Erzählen“ bzw. „wiederholtes Fragen“. Ungefähr alle 10min. musste er mir zeigen, dass er mit dem Rolli kippelnd fahren kann… als zeigte er mir das zum ersten Mal. Aber naja… nur Geduld…
Die Station A unterscheidet sich in vielem von dem, was in den letzten Wochen „Maß der Dinge“ war… Zum einen hat Samuel nun ein richtiges Einzelzimmer mit einem richtigen Bad mit einer RICHTIGEN DUSCHE! Nix mehr: mit Pflegern irgendwo hingefahren werden und dort dann im Liegen duschen. Jetzt darf wieder so geduscht werden wie immer. Die Tagesstruktur ähnelt der eines Schultags: morgens sind überwiegend „therapeutische Anwendungen“ (und davon auch viele, so dass der Vormittag voll ist) und der Nachmittag ist dann verhältnismäßig frei (mehr dazu gleich). Darüber hinaus ist es so, dass die Kinder der Station gemeinsam essen… Frühstück, Mittag, Abendbrot jeweils eine Stunde gemeinsam. Es gibt einen Spieleraum auf Station, wo sich die Kinder, wenn sie Lust haben, zwischendurch treffen können und auch sonst düsen die Kinder viel auf dem Stationsflur hin und her und vertreiben sich die Zeit. Der Betreuungsschlüssel ist nicht mehr so hoch wie vorher – dafür gibt es aber z.B. auch Erzieherinnen, die sich, je nach Bedarf, mit den Kindern beschäftigen. Für uns Eltern bedeutet das alles: im Grunde ist man vormittags beinahe überflüssig.
An diesem Nachmittag dann gab es DAS EREIGNIS SCHLECHTHIN für Samuel! Denn: auf der Station A gibt es nachmittags immer 1,5h gemeinsam gestaltete Zeit mit anderen Kindern der Station als ANGEBOT. Das ursprüngliche Angebot für diesen Tag wäre gewesen, rauszugehen – das wollte aber niemand bei dem Wetter so recht. Die Alternative hieß „Bewegungsraum“ – und das war für Samuel der Knaller, denn plötzlich rollten, kullerten und hüpften verschiedene Bälle durch den Raum… und was macht mein Sohn, der ja eigentlich bisher nur im Rolli saß bzw. mal ganz kurz aufstand, um ein paar Schritte wackelig zu gehen? Er stellt die Bremsen am Rolli fest und steht auf und… jagt einem Ball hinterher, um schlicht und einfach FUSSBALL zu spielen! Hammerhart! Da spielt mein Junge, der vor gut 8 Wochen beinahe ums Leben gekommen wäre, „einfach so“ wieder Fußball… ich hatte Tränen der Rührung in den Augen! Natürlich: alles noch wackelig und längst nicht in dem Tempo, wie er es sonst macht… aber es gelangen dennoch schon kleine Tricks, die ersten Tore wurden geschossen, die ersten Torwart-Übungen auf einer dicken Matte absolviert und somit auch das „gekonnte Fallen“ wieder hervorgeholt… Es war wirklich eine Augenweide und ein DANKE! GOTT!!! Moment!
Natürlich, danach war Samuel K.O.! Da ging nicht mehr viel an diesem Tag. Essen, Singen, Beten, gute Nacht!
An diesem Dienstag fällt uns vor allem auf, dass Samuels Kurzzeitgedächtnis einen Sprung nach vorne macht! Seit heute ist es kaum noch so, dass Samuel Dinge wiederholt nachfragt, die er eigentlich schon erzählt bekommen hat – und gleichzeitig knüpft er an Erlebnisse der vorigen Tage an oder auch (kleines Beispiel am Rande): wir machen einen kleinen Ausflug mit dem Auto, gehen kurz auf eine Parkbank, von dort wieder zurück ins Auto. Ich denk „Mensch, wir haben die Mütze auf der Bank liegen lassen“ und sage: „Au wei, wir müssen noch mal zurück…“ und Samuel ergänzt: „Die Mütze liegt da noch!“ – Eine Kleinigkeit, die mir aber so viel zeigt! Er ist wieder „in der Gegenwart präsent“, erinnert sich an kurz vorher Gesagtes oder Geschehenes. Ein Geschenk!
Das Nachmittagsangebot wäre gemeinsames Basteln gewesen – davon war Samuel noch nie ein Freund… Deshalb, wie gesagt, der Ausflug mit mir war dann die erste Wahl.
Am Abend wird dann zum ersten Mal seit diesen langen Wochen wieder ganz normal im Stehen geduscht. Natürlich auch hier noch mit meiner Unterstützung – aber es ist ihm anzumerken, wie sehr er das genießt, wieder „auf den Beinen zu sein/ zu duschen!“
Mir wird an diesem Tag noch mal bewusst, wie wenig gemeinsame Zeit nun insgesamt über den Tag verteilt übrig bleibt. Wir hatten bisher von 9-19h Zeit, unterbrochen durch ein paar therapeutische Anwendungen. Nun sind von diesen 10h ca. 2,5h Therapie, 1,5h Nachmittagsangebot, 3h Essen in Gruppen. Dann vielleicht noch eine Stunde Mittagspause… bleiben effektiv eigentlich nur zwei Stunden, die man miteinander erleben kann, bzw. die er Zeit für Besuche hat…
Auf der anderen Seite wird uns nun schon gesagt, dass es so ist, dass Patienten, bei denen der Unfall schon mindestens 8 Wochen zurückliegt, ein Anrecht auf „nach Hause fahren am Wochenende“ haben: einmal im Monat ein langes Wochenende und ansonsten aber zumindest von Samstag nachmittag bis Sonntag Abend. WHOW! Wie schön! Auch wieder ein Stück mehr Lebensqualität, Normalität, Zusammenbringen von seinem Alltag mit dem Familienalltag. Wir freuen uns sehr. Katharina, die große Schwester, hat demnächst auf einem Sonntag Geburtstag – und welch ein (unerwartetes) Geschenk erwartet uns alle damit, dass wir Samuel dann bei uns haben können 🙂
An diesem Mittwoch gibt es zum ersten Mal Besuch auf der neuen Station. Und dann gleich von seinem „Klassenlehrer-Duo“, das er so liebt. Die beiden bringen eine von der ganzen Klasse gestaltete Broschüre mit. Vorne drauf sind Fotos mit der gesamten Klasse – jeder Schüler und Lehrer hält einen Buchstaben hoch, alles zusammen ergibt „Wir denken an Dich, deine Knobler“ (Knobelklasse – so heißt das Klassenprofil).Und in dieser Broschüre ist dann jeder Buchstabe dieses Satzes von jeweils einem Mitschüler gestaltet. Da wurde gemalt und geschrieben und gegrüßt. Aufmunternde Worte ohne Ende. Am einprägsamsten fand ich wie jemand schrieb: „Gott, Jesus, der Heilige Geist und die Klasse 6d sind bei dir!“ – Na, dann kann ja nix mehr schief gehen, dachte ich, wenn hier die Trinität sogar erweitert wird J Es ist einfach schön, diese Verbundenheit zu spüren – na klar ist im Schulalltag nicht alles eitel Sonnenschein – und mit manchen, die hier eine wirklich liebevolle Seite gestaltet haben, kann Samuel sich „im Normalzustand“ auch gut zoffen… wie oft haben wir solche Erzählungen gehört… Aber wenn es „hart auf hart kommt“ ist halt doch Zusammenhalt da. Und ich hoffe einfach, dass sich das insgesamt „tief in seiner Seele verankert“, wie viel Grund es gibt, sich von anderen getragen, akzeptiert und gemocht zu wissen. Möge er davon noch seinen Enkeln erzählen…!
Es ist ein launiges Stündchen mit den Lehrern: es wird sich viel erzählt, Kuchen gegessen und gelacht und beim Verabschieden sagen mir die beiden noch, wie sehr sie darüber baff sind, in welch umfassenden Maße ihnen hier schon wieder ihr „altbekannter Samuel“ begegnet. Dem kann ich nur zustimmen.
Was mir an diesem Tag weiter auffällt, ist, wie sich seine Gedächtnisleistung weiter verbessert. Er macht den Weg vom Therapeutenflur zu seinem Zimmer eigenständig (er war wohl etwas früher mit der Therapie fertig – ich wollte gerade los, um ihn dort abzuholen, als er mir schon entgegenfährt…) Natürlich war mir da auch etwas mulmig zumute, dass er sich einfach so auf den Weg gemacht hat – andererseits hab ich mich gefreut wie Bolle, dass er das schon so packt. Daran wäre vor ein paar Tagen noch nicht zu denken gewesen.
Ja, die ersten Tage auf der neuen Station sind ein „voller Erfolg“ und zeigen, dass es immer noch immer weiter voran geht. Wir sind so froh und dankbar. Gott erhört Gebete! Das ist kein Automatismus, aber erlebte Gnade – nichts Verfügbares, aber doch ein Wissen, dass Gott Gebet erhört und handelt, hier und heute. Wir sind glücklich!
