Nun also MRT Nummer zwei an diesem Tag. Ich selbst bin nachmittags wie schon beschrieben in der Gemeinde, um den Seniorenkreis zu übernehmen, meine Schwägerin hat derweil unsere drei Mädchen zu Hause übernommen und Yvonne fährt mit Samuel im Taxi nach Bergedorf, wo das MRT ansteht. Unser Sohn ist ein toughes Kerlchen: er braucht keine Beruhigungsmittel, keine Schlafmittel, noch nicht mal ein Kontrastmittel wird ihm gespritzt. Einfach so die Kopfhörer auf und rein in die Röhre. Alles unspektakulär.
Nach der Rückkehr in die Reha-Klinik gibt es erstmal große Aufregung, weil wohl die Ärzte aus Bergedorf anriefen und etwas von großen Kopfverletzungen erzählten. Nun stellte sich aber heraus, dass es sich dabei um die alten Verletzungs-Bilder vom Unfall handelte. Aktuell ist nichts neues dazu gekommen. Sichtbar wurde allerdings im Frontalbereich nicht resorbierte Flüssigkeit zwischen Schädelknochen und Hirn. Diese Flüssigkeit gibt leichten Druck auf das Gehirn bzw. beeinträchtigt die Regionen, die für das Verhalten und auch die Impulskontrolle zuständig sind. D.h. also die Gefühle – insbesondere Ärger, Wut – können schlecht gesteuert werden, brechen leichter durch. Manchmal kommt es auch eher zu vermehrtem Weinen, manchmal zu sehr starker Anhänglichkeit/Distanzminderung, je nach Primärpersönichkeit.
Diese Flüssigkeit wird meist im Verlauf auch noch abgebaut, das dauert aber oft Monate, manchmal bleibt sie auch. Wenn das Verhalten, bzw. Befinden dadurch nicht negativ beeinflusst wird, macht das auch nicht so viel.
Aktuell hilft diese Erkenntnis aus den MRT-Bildern, das aktuelle Verhalten von Samuel (manchmal nicht GANZ altersentsprechend und viel „Impulsivität“ dabei) besser zu verstehen bzw. auf diese körperlichen Dinge eben auch zurückführen zu können. Aber auch hier: die Zeit heilt diese Wunden. Die Zeit und: evtl. „craniosacrale Therapie“. Wir sind in gutem Kontakt mit einem Winsener Osteopathen, der an diesem Wochenende auch schon einen Termin für Samuel ermöglicht – und der uns eben auch erzählt, dass diese Behandlungsmethoden genau bei Samuels Beschwerden bzw. Diagnosen hilfreich sein können. Wir sind gespannt. Auch an diesem Tag bekommen wir einige „Gebets-Zusagen“ und wissen ja inzwischen, dass dieses „Kombi-Präparat“ aus Gebet und guten Therapien bei Samuel so viel Gutes bewirkt hat und weiterhin bewirken wird.
An diesem Abend bekommt Samuel nun doch wieder aus Sicherheitsgründen ein Bett mit Gittern – zumindest an einer Seite. Das Gute ist, dass er selbst in der Lage ist, die Gitter runterzulassen. Wenn er also nachts zur Toilette muss, ist das von Vorteil!
Am Samstag wird Samuel früh geholt, denn: um kurz nach 9h stehen bei uns die Sternsinger auf der Matte. Wir haben eine große Tüte voll Süßigkeiten gepackt, die die Kinder (neben einer Spende, die ja für andere Kinder ist) gerne mitnehmen. Samuel guckt ganz erstaunt und erfreut, weil ein paar Kinder dabei ist, die er kennt – entsprechend erstaunt gucken diese auch zurück, weil sie ja auch von seinem Unfall wussten und ihn gar nicht so „vital und normal“ wieder erwartet hätten. – Nach diesem Kurzbesuch kehrt die familiäre Samstagsruhe ein. Wir sind einfach nach wie vor darauf angewiesen, die Wochenenden auch als Ruhe-Orte zu nutzen und knallen uns die Sams- und Sonntage nicht so voll wie vor dem Unfall. Zumindest weitestgehend…
An diesem Samstag gibt es für Samuel noch eine Premiere: nach so vielen Monaten gibt es eine spontane Verabredung mit seinem besten Fußball-Freund Maxi UND AB GEHT’S auf den Fußballplatz. Das war wieder so ein Moment, an dem ich Freudentränen in den Augenwinkeln hatte! Fußball spielen zu können ist für Samuel einfach Ausdruck seiner Lebensfreude, seiner Energie – und es ist so schön, dass das wieder da ist. Kopfbälle sind NOCH untersagt. Aber laufen, schießen, drehen, dribbeln und auch als Torwart kleine Hechtsprünge hinlegen – das geht alles schon wieder. Ja, die Kondition ist relativ schnell erschöpft, aber das ist ja nur „Trainingssache“. Nach einer guten Stunde fahren wir auch schon wieder zurück. Der Rest des Tages geht auch einigermaßen schnell dahin… zuerst sind wir noch in einer Autowaschanlage – Samuel will mit und freut sich diebisch, dieses Erlebnis auch mal wieder zu haben. Ja, es sind Aufzählungen von Alltäglichkeiten – aber es braucht für und mit Samuel zur Zeit keine besonders großen Aktionen: diese Alltäglichkeiten wieder erleben zu können, ist Highlight genug!
Abends schauen die beiden Großen noch einen bemerkenswerten Film, den uns Amazon prime vorschlägt: „Finn und die Magie der Musik“, wo es um einen Jungen geht, der gerne Geige spielen möchte – sein Vater allerdings sieht ihn viel lieber auf dem Fußballplatz. Am Ende des Films wird deutlich, warum der Vater sich so gegen die Geige gesperrt hat – und dass Vater und Sohn durch das Offenlegen ihrer „verschlossenen Seiten“ einander verstehen und nun ganz neu miteinander durchs Leben gehen können. Wirklich gut gemacht. Hat beiden auch gut gefallen – und ich selbst war erstaunt, dass Samuel für einen solch tiefsinnigen und relativ „actionarmen“ Film auch schon die Geduld, das Interesse und die Fähigkeit hatte, all das aufzunehmen.
Der Sonntag „begann“ zur besten Gottesdienst-Zeit, nämlich um 10h, bei Wolfgang Tatzel, dem Osteopathen. Er kennt Samuel schon lange und hat freundlicherweise diesen Termin ermöglicht. Tja, ich gehe ja tatsächlich – wenn möglich – um diese Zeit lieber in einen Gottesdienst, aber in diesem Fall… Wobei der Osteopath lieber mit dem Patienten alleine ist – und so hatte ich, nachdem ich Samuel dort „abgab“ Zeit mit Losung und Gebet und diese halbe Stunde tat auch gut – war jetzt quasi so eine Art Gottesdienst-Ersatz. Ich brauch diese Ruhe-Zeiten, da sie mir den Tank füllen für die übrigen, wilden und vollen Stunden und Tage.
Die Zeit war für Samuel durchaus hilf- und für uns aufschlussreich. Mir wurde danach auch noch mal gesagt, dass Samuel wirklich schon einen erstaunlich guten Eindruck hinterlassen hat; dass manche Blockaden und „Problemzonen“, die es vor dem Unfall gab, möglicherweise nun sogar besser sind als vorher (Sachen gibt’s!) und dass die erkannten Schwierigkeiten, wie oben beschrieben, sich eben mithilfe der osteopathischen Behandlung sehr gut lindern lassen. In anderen Ländern ist es übrigens durchaus üblich, osteopathische Behandlungen schon ein paar Tage nach einem solchen schweren Unfall anzuwenden – mit vielfachem Erfolg. Nun ja, dass das deutsche Gesundheitssystem gegenüber manchen alternativen Methoden etwas „reserviert“ ist, ist ja nicht ganz neu…
Zurück vom Vormittags-Ausflug steht gleich der nächste Ausflug vor der Tür bzw. zunächst mal lassen wir Samuels Patentante mit Familie erst mal durch unsere Tür… – ein kurzes, schnelles Mittagessen und dann geht es „ab in die Spielscheune“ nach Neu Wulmstorf. Austoben, Klettern, Rutschen, Trampolin-springen usw. nach HERZENSLUST. Auch hier wieder beschleicht uns diese mittlerweile wohlvertraute Gefühlsmischung aus Freude, Dankbarkeit, Erstaunen und Glück, die uns – obwohl schon vertraut – immer wieder „extrem erwischt“. Es ist gut, dass man sich an manche Glücksgefühle nicht gewöhnen kann, sondern immer wieder den Eindruck hat: das ist jetzt aber GANZ NEU und noch viel intensiver als vorher! Samuel, es ist so klasse, zu sehen, wie du dich bewegst und was du alles schon wieder machst!
Am Abend geht es glücklich und zufrieden wieder nach Geesthacht, nachdem – achtung: noch eine Premiere – Samuel zum ersten Mal nach dem Unfall wieder ganz alleine unter der Dusche stand. Bisher hat er sich ja immer noch Assistenz gewünscht, aber auch hier sind wir mittlerweile einen Schritt weiter.
Mit im Gepäck ist diesmal das LOGBUCH. So etwas gibt es in der Schule und wurde nun selfmade von uns für ihn angefertigt! In der Schule geht es darum, aufzuschreiben, was im Unterricht gemacht wurde, welche Dinge gelernt werden müssen usw. – und hier wollen wir das ab jetzt auf den Reha-Alltag anwenden und er „darf“ sich jeden Tag die Mühe machen, aufzuschreiben:
Was hab ich gelernt? Was hat mich heute gefreut? Was war nicht so gut? – Bin mal gespannt, wie energisch und konsequent er diese neue Aufgabe verfolgt…
Aber nun erstmal Gute Nacht, du kleiner großer Held – Gott wirkt weiter: beim Schlafen-gehen lese ich noch mal die Losung von Freitag vor, weil ich denke, dass sie ganz gut passt: Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft. (Psalm 138,3) und wir sprechen noch kurz darüber, wie Samuel und ich das in den letzten Wochen und Monaten erlebt haben: Gott erhört und Gott gibt Kraft. Mit dieser Gewissheit lässt sich gut einschlafen und in die neue Woche gehen.
