Röntgen – und ab in die Lauffreiheit (naja, fast…) (8.-10.11.2017)

An diesem Mittwoch hat Samuel Musiktherapie. Man hat Wind bekommen von seiner Musikalität – und es ist ja so: was einem Spaß macht und liegt, das fördert besonders. Insofern hatte die Musiktherapeutin sich gedacht, sie nutzt mal ein Schlagzeug…
Und, was soll ich sagen: das Ende vom Lied (…muaaah) war, dass er die Musiktherapeutin total verblüfft hatte: „ich mache sowas ja schon echt lange, aber das habe ich noch nicht erlebt: Samuel spielte 20min. Schlagzeug, als wäre nie etwas gewesen!“
Unser Wunderkind!
Gleichzeitig sind diese mega-Fortschritte aber auch ein bisschen „gefährlich“… wir geraten manchmal zu schnell in das Fahrwasser, ihn so zu sehen, als wäre er wieder der Alte – und dabei kostet ihn das alles noch so viel Kraft: diese mentale Aufmerksamkeit, auch motorische „Alltäglichkeiten“ sind eben tatsächlich alle noch „übungsbedürftig“. Es braucht seine Zeit – und er braucht eben auch immer wieder noch Ruhezeiten. So kommt von ärztlicher oder auch von pflegerischer Seite immer mal wieder der Hinweis, ihn nicht zu überfordern und Samuel keiner „Reizüberflutung“ auszusetzen. Rauszufinden, was fördert und was „überflutet“ erfordert sehr viel Sensibilität und Fingerspitzengefühl. Es kam auch noch mal der deutliche Hinweis, dass selbst, wenn Samuel es möchte, wir ihn auf keinen Fall laufen lassen dürfen, bevor nicht die Röntgenaufnahmen vorliegen und der Orthopäde sein „Go“ (muaaah, s.o.) gegeben hat. Naja, am Donnerstag ist Röntgen und dann ist es ja abzusehen…
Vor dem Röntgen gibt es noch ein leckeres „Abendbrot“ – dazu gehen wir heute in den Speisesaal (was übrigens in der derzeitigen Situation, in der Samuel sich befindet, auch noch eine „Reizüberflutung“ ist – das durfte ich mir Donnerstag in der Visite anhören und von daher war dieser Ausflug erstmal „einmalig“… naja, auch das ist abzusehen.
Es gab ein Käsebrot, Kakao – und: plötzlich pulte er einen Zahn aus seinem Mund hervor. Ich krieg die Panik und denk mir: boah, vielleicht ist bei ihm ihm Kopf doch irgendwas so verquer, dass er jetzt nicht mehr vernünftig kauen kann und sich die Zähne kaputt malmt… sah ihn vor meinem geistigen Auge schon als dauerhaften „Breikost-Verköster“… Bin dann mit ihm zurück auf Station, wo mir ein Pfleger in aller Seelenruhe erklärte, dass das ein Milchzahn ist, der einfach so rausfällt, weil es für ihn an der Zeit gewesen ist. Das wäre auch ohne Klinikaufernthaft so passiert.
Nennt mich paranoid…
Wieder was dazu gelernt.
Bevor ich gehe, gibt es noch eine gute Nacht Geschichte aus der Kinderbibel. Heute wünscht Samuel sich die Noah-Geschichte. Ich lese und sage hinterher zu ihm: siehste, Noah war ganz schön lange weg vom Fenster und musste sich danach alles neu erarbeiten. Da bist du also nicht der Erste, mein Sohn. Gott ist ein Gott der Neuanfänge – und er fängt auch mit dir gerne immer wieder neu an.
Mir ist schon klar, dass es bei Noah noch andere Ebenen zu entdecken gibt – und dass diese „Verkürzung“ nicht zwingend meiner „theologischen Bildung“ standhält. Aber ich fand das an diesem Abend sehr passend – und Samuels zufriedener Gesichtsausdruck gab mir recht…
Apropos Neuanfang: ein „Neuanfang“ für Samuel ist seit diesem Tag die Tatsache, sich alleine im Zimmer zurecht finden zu müssen, da sein Bettnachbar Janno nun wieder zu Hause ist. Also „Einzelzimmerdasein“ – zumindest vorübergehend, zumindest so lange, bis evtl. doch noch mal jemand Neues zu ihm kommt. Das ist schon irgendwie doof, denn gerade in den letzten Tagen, in denen Samuel immer wacher wurde, spielten die beiden schon mal Ball zusammen oder Janno hatte auch mal ein Auge auf ihn und konnte den Schwestern Bescheid sagen, wenn irgendwas war… Aber da muss er durch – und zumindest in der Zeit, in der Samuel schläft, schläft er auch gerne ungestört und alleine, von daher…

An diesem Donnerstag bin ich schon um 8.40h bei Samuel, denn um 8.45h soll es los gehen zum Röntgen. Der Krankentransport ist überpünktlich und so steigen wir beide (er auf der Krankenliege, ich daneben im Sitz) in den RTW, der uns zum Johanniter-Krankenhaus in Geesthacht bringt. Die erste Autofahrt seit dem Unfall, die er bewusst wahrnimmt…
Dort angekommen, kommt Samuel auch direkt ran – 10min. Sache – und ab geht’s wieder zurück in die Reha-Klinik. Um 9.15h ist er wieder auf seinem Zimmer. Hammer! Die Therapien sind an diesem Tag alle auf den Nachmittag gelegt, um ihn nicht unnötig zu stressen. Das Ergebnis der Röntgenaufnahmen (Schlüsselbeinbruch und Unterschenkel) gibt es wohl aber erst am Freitag…
Nun wird erstmal ausgiebig gefrühstückt. Ein Brötchen mit Nutella UND QUARK, so wie er es auch zuhause liebt, wird verschlungen. Hmmm, lecker!!!
Kurz darauf kommt Besuch: seine Patentante bringt ihm „NUTELLA to go“ mit – und er zerplatzt fast vor Freude. Aber vorher muss er das Geschenk natürlich aufessen… 😉
Seit ein paar Tagen – und so auch heute – sind Spiele aller Art wieder sehr gut zum Zeitvertreib. Fingerspiele, Brettspiele, Ballspiele, Wortspiele… irgendwie alles mögliche und irgendwie klappt das auch alles wieder. Das ist so schön zu sehen. Auffällig ist auch, dass Samuel seine „Ausdrucksformen“ wieder deutlich normalisiert. Die „Echolalie“ (also das Nachplappern dessen, was gesagt wurde) nimmt deutlich ab und das „Ich – Bewusstsein“ nimmt deutlich zu. Er stellt Fragen, erzählt situationsbezogen, erinnert sich an lange zurück liegendes und ab und an eben auch schon an Dinge, die am Tag davor oder davor waren.
Abedns gönnen Yvonne und ich uns endlich mal wieder ein paar Stunden außer Haus: Spaziergang und anschließende „Einkehr“ in einem Bistro, wo zumindest ein bisschen Zeit zum Reden ist. Sonst ist es ja in diesen Tagen und Wochen beinahe schlimmer, als wenn ich arbeite… das Gefühl, man sieht sich im Grunde nur noch, um sich die Klinke in die Hand zu geben…

Am Freitag höre ich gleich morgens, dass die Orthopädie die „schmerzgesteuerte Belastung“ der linken Seite freigegeben hat, was eben bedeutet, dass Samuel so peu a peu wieder an das Gehen gewöhnt werden darf bzw. diese Dinge trainieren muss. Aber auch hier: die Therapeuten geben das Tempo vor und wir dürfen im Prinzip nur das machen, was die Therapeuten auch tun. Also nicht: mit ihm einmal über die Station laufen… sondern erstmal das Aufstehen vom Bett, ein paar Schritte zum Rolli (gestützt) und das war’s.
Nichtsdestotrotz STAND Samuel heute zum ersten Mal auch wieder vor dem Waschbecken. Ein im wahrsten Sinne des Wortes „erhebendes (bzw. erhabenes) Gefühl“!
Leider habe ich an diesem Vormittag kaum Zeit mit meinem Sohn: ich komme um 10 (wollte um 9h da sein), muss um 12h schon wieder weiter. Von 10-11h ist er mit Therapien unterwegs… Tja, so kann es gehen, auch solche Tage gibt es. Unterm Strich bleibt es aber ja auch doch eine sehr intensive gemeinsame Zeit… keine Ahnung, an welche Momente aus dieser Zeit auf dieser Station er sich später erinnern wird, aber für mich bedeuten diese Tage und Wochen natürlich auch sehr viel „quality time“ mit meinem Sohn, die ich sonst nicht gehabt hätte. (dass ich mir, wenn ich hätten wählen dürfen, eher weniger Zeit mit ihm und dafür keinen Unfall gewünscht hätte, brauche ich glaub ich nicht extra zu erwähnen…)
Wir bekommen es in diesen Tagen mit einer „altbekannten Thematik“ zu tun: Samuel ist „trinkfaul“. Das wird natürlich in der Klinik noch mehr beäugt als zu Hause und so sind wir alle hinterher, dass er viel trinkt. Es ist ja gut, dass er wieder normal trinken kann, keine „Verdickung“ mehr braucht. Aber der Körper braucht eben auch seine Flüssigkeit. Und nicht nur Kakao oder Fanta.
Aber es ist schön, auf solche „Alltagssorgen“ mit ihm zurück zu kommen, denn das zeigt uns, dass vieles im Umgang mit unserem Sohn sich der Alltäglichkeit und der Normalität schon wieder annähert – viel schneller, als wir das je zu träumen gewagt hätten. Wie schön!
by the way: alles, was getrunken und gegessen wird, muss akribisch dokumentiert werden. Auch jetzt noch, wo „Vollkost“ freigegeben ist. Auf Nachfrage bekomme ich erklärt, dass das eben vor allem auch damit zu tun hat, dass es für diese Dokumentation „mehr Geld in die Klinikkasse“ bringt. Davon kann man ja halten, was man will… ich will mich darüber jetzt hier auch nicht weiter auslassen. Es zeigt mir nur „ganz am Rande“, dass es ja auch in solchen Kliniken an ganz vielen Stellen auch schlicht und einfach um wirtschaftliche Gesichtspunkte geht, gehen muss..
Vor uns liegt ein relativ entspanntes, ruhiges Wochenende – allerdings mit der Aussicht auf den ersten Besuch eines Freundes – nach nun schon 6,5 Wochen ein bestimmt sehr schönes Erlebnis. Aber dazu – und zu manch anderem – im nächsten Blog!

3 Antworten auf „Röntgen – und ab in die Lauffreiheit (naja, fast…) (8.-10.11.2017)“

  1. Ihr Lieben, wir kennen uns nicht, aber ich bin in der Christuskirche, kenne eure Patentante und fühle mich darüber irgendwie sehr mit euch verbunden. Ich bete jeden Tag seit Samuels Unfalls für ihn und euch, und es ist so ein Glück von diesen Fortschritten zu lesen. Danke für jeden Bericht. Ich wünsche euch weiter ganz fest Gottes Nähe und Segen, und dass Samuel wieder ganz gesund wird.
    Alles Liebe
    Nina aus Eidelstedt

  2. Hallo Willem, Yvonne oder wer sonst noch so alles lies!
    Jetzt „muss“ ich hier doch mal schreiben.
    Ein „gefällt mir“ bei facebook ist einfacher und schneller; auf keinen Fall unter zu bewerten!!!; finde ich jedenfalls.
    Aber Dein heutiger, bzw. gestriger? BlogEintrag provoziert doch mal kurz zu reagieren.
    Wenn der Grund Deines Schreibens nicht so ein persönlich tragischer wäre … das, was Du darüber zu Papier bringst, ist einfach lesens- und bedenkenswert!
    Schon einige Male vorher, aber heute erst recht, könnte ich mich fast kringeln vor Lachen:
    Die Story mit dem Zahn !!!!
    Herrlich !!!!
    Dann: Nutella mit Quark oder umgekehrt ???
    Noch niemals vorher von dieser Köstlichkeit? jemals gehört!
    Die Geschichte von Noah, bzw. ALLEN biblischen Geschichten- gerade auch aus dem AT; sie beinhalten (ist uns ja nichts Neues und trotzdem immer wieder neu faszinierend) so vieles, was niemals ALT sein wird; eigentlich immer passt und MUT MACHT !!!
    Dieser EINE da oben ist derselbe gestern, heute, usw. ….
    Und zuletzt, ein Gedanke, der mich als Mutter von mehr als einem Kind auch sehr angesprochen hat:
    „qualy time“ mit Deinem Sohn!!!!!
    (in diesen Genuss sollte „eigentlich“ – na klar, jeder auch „ohne sowas“ kommen)
    Wie oft hat man im Alltag das Gefühl/ die Sorge einer kam/ kommt zu kurz- in krankZeiten holt sich so einer vielleicht was davon …
    In der schon begründeten Hoffnung, „das alles wieder gut wird“ wünsche ich Dir und Euch, viel Durchhalte-kraft mit Tankstellen, die an allen möglichen Orten plötzlich auftauchen, und dann eines Tages ein echtes HAPPY END !!!!!
    Liebe Grüße und Wünsche von Gunda

  3. Das sind tolle Fortschritte! Ich freue mich seeeehr für euch! Ich wünsche euch weiterhin viel Kraft und Geduld für die weitere Zeit! 🍀

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