„Kinder warten auf Weihnachten“ – so heißt eine Aktion, die es in meiner Heimatgemeinde schon gab, als ich Jugendlicher war: immer am Heiligabend-Vormittag waren die Gemeindehaustüren geöffnet und es wurde nach Herzenslust gebacken, gebastelt usw. – Diese Idee habe ich mitgenommen und in die weite Welt getragen… zuerst in meiner Zivi-Gemeinde in der Pfalz, dann später in Hamburg-Eidelstedt, in Stelle und nun in Fuhlsbüttel! Allerdings mit dem Unterschied, das nicht am Heiligabend-Vormittag zu machen, sondern am letzten Werktag-Nachmittag vor Heiligabend. Und so fand diesmal „KiwaauWe“ am Freitag Nachmittag statt. Als Verantwortlicher für diese Aktion hab ich dann jedesmal ne Menge zu tun, Zuhause war naturgegeben auch viel vorzubereiten – und so blieb Samuel an diesem Freitag ohne Besuch von uns. Dazu hatte er sich aber ja auch schon vorher bereit erklärt: wir sollten mal „in Ruhe unseren Verpflichtungen nachgehen“ – er habe ja schließlich vormittags Therapien und könne sich den Nachmittag mit den anderen Kindern vertreiben…
Und so war es dann auch! Wir waren ganz froh, dass seine Schnupfnase, sein „dicker Hals“ und sein Schlapp-sein eigentlich schon an diesem Freitag vollends verschwunden waren und wir (und er eben auch nicht) befürchten müssten, dass seine erste Übernachtung zu Hause bedeuten würde, das Bett zu hüten, während alle anderen Weihnachten feiern…
Am Abend haben Yvonne und ich noch bis weit nach Mitternacht gefühlt hunderte von Geschenken eingepackt (jedes Jahr: diesmal verschenken wir aber nicht so viel… um sich dann doch irgendwie – vor allem bei 4 Kindern – vorzukommen wie bei Loriots Hoppenstedts (https://www.youtube.com/watch?v=NoklU4cCtMA – ab min. 2.10 bzw. 5.40) Naja, ganz so schlimm war es nicht, schließlich haben wir überwiegend Kleinigkeiten verpackt… aber das braucht eben seine Zeit.
Und Samuel ging ins Bett mit der Aussicht: MORGEN endlich nach Hause! Mit 3 Übernachtungen. Yay!
Am Samstag vormittag holte Yvonne ihn gegen 9h ab und nach dem gemeinsamen Frühstück waren weitere Vorbereitungen dran: Baum schmücken, Zimmer für Übernachtungsgäste vorbereiten, Kinder baden, letzte Besorgungen machen, ich selbst saß auch noch ein bisschen über der Predigt für den 23h Gottesdienst – und Samuel lief „einfach so mit“. Er genoss es, bei seinen Geschwistern zu sein, auch intensiv mit Charlotte zu spielen, zwischendurch mal vorm Fernseher abzuhängen, selbst mit anzupacken beim Vorbereiten usw.
Nachmittags war ich noch kurz mit Samuel neue Winterschuhe kaufen: auch dieser Besuch im „Schanzenhof“ in Winsen – mit Tiefgarage, Rolltreppe, Edeka, Deichmann usw. war natürlich auf der einen Seite total normal und auf der anderen Seite konnte ich meinem Sohn anmerken, dass er diese Wege und Orte ganz bewusst aufsog.
Im Schuhgeschäft erzählte er der überraschten Frau an der Kasse dann auch gleich: „Ich bin ja im Krankenhaus“ (…) – das Ding ist: er hat im Grunde ja in den letzten 3 Monaten beinahe ausschließlich mit Menschen zu tun gehabt, die wussten, wie es um ihn steht bzw. die ihn entweder IM KRANKENHAUS oder bei uns zu Hause besucht haben und demzufolge natürlich im Bilde waren. Er muss das erst wieder lernen, erst wieder realisieren, dass es auch eine Welt ausserhalb seiner Erlebniswelt gab und gibt, die „einfach so weiterlief“, ohne dass alle Welt wüsste, was mit ihm los war/ist. So guckte die Kassiererin auch ziemlich verdattert/verstört… – leider waren schon die nächsten Kunden hinter uns und Samuel schoß mit seinen neuen Schuhen Richtung Ausgang, so dass ich die Unklarheit nicht beseitigen konnte. Naja, sie wird’s überleben… 😉
Da wir schon an diesem Tag Übernachtungsbesuch bekamen, hatten wir die Chance, den beiden Gästen unsere vier Kinder „aufs Auge zu drücken“ und sind einfach mal zu zweit noch gegen 18h zu Famila gedüst, wo wir noch Lichterketten für den Weihnachtsbaum besorgt haben. Auch das ist so trivial wie bedeutungsvoll: alle 4 sind wieder zu Hause und wir beide können einfach mal so ganz ohne Kinder „irgendwas“ machen. Was es ist, ist letztlich dabei fast unerheblich.
Am Abend guckte Samuel zusammen mit Katharina „Kevin allein zu Haus“ – und ich schaute mir die beiden großen Kinder auf dem Sofa an und hatte Tränen der Rührung in den Augenwinkeln ob dieser „normalen Szene“… der erste Fernseh-Abend Zuhause nach so langer Zeit…. Wie schön, dass das möglich ist. Ich will das „Fernsehn-gucken“ an sich gar nicht so hoch hängen in seiner Bedeutung, da gibt es sicherlich Wichtigeres. Aber es war den beiden anzusehen, dass sie dieses gemeinsame chillen, dieses Zuhause-Gefühl auch wirklich sehr genossen haben. Und für mich bzw. für uns Eltern gab und gibt es ja nichts Schöneres, als alle Kinder doch einigermaßen wohlauf da zu haben. Wie hatten sie in Geesthacht Ende Oktober nach Samuels ersten Entwicklungsschritten gesagt? „Wir wollen noch nichts versprechen, aber möglicherweise kann Ihr Sohn Heiligabend schon für ein paar Stunden nach Hause“?!?!!! – Und jetzt das: mehrere Übernachtungen, so viel Normalität – nicht nur an äußeren Gegebenheiten, sondern auch, was seine Fähigkeiten & sein Verhalten angeht… whow! Wir sind total ÜBERGLÜCKLICH und mega-dankbar dafür!
Einmal werden wir noch wach – heißa, dann ist Weihnachtstag! Und so kam der 24.12. – ein immer wieder mit Spannung erwarteter und erlebter Tag! Dass dies gleichzeitig in diesem Jahr der 4. Advent war, ging ein bisschen unter… – aber so ist es nun mal. Was nicht unterging und uns von Anfang an viel Fröhlichkeit ins Gesicht und in die Seele zauberte, war die Tatsache, dass dieses Weihnachten in zweierlei Hinsicht ein besonderes war: zum einen war es das erste Weihnachtsfest für unsere Jüngste: Elisabeth ist nun knapp 9 Monate alt und durfte das erste Mal einen Tannenbaum bestaunen, Geschenke auspacken, Weihnachtsliedern zuhören, ein Krippenspiel betrachten… nur das Festessen wird von allen anderen verspeist, während sie ihre Babykost vernascht. Aber in einem Jahr wird sie auch bei allen Köstlichkeiten und Süßigkeiten zulangen.
Nach einem verhältnismäßig unspektakulären Vormittag waren um halb eins alle bei einer mittäglichen Kaffeetafel versammelt, bevor es dann zu um 14h in den Familiengottesdienst mit Krippenspiel ging. In Pattensen.
Klasse gemacht von Diakon, Vikar, Band und natürlich vielen, vielen engagierten und fröhlichen Kindern. Charlotte war ganz gebannt vorne mit dabei – und wer weiß? Vielleicht darf sie im nächsten Jahr (mit immerhin vier Jahren) ja auch schon mal ein Schaf spielen?!? Viele haben ihre Krippenspiel-Karriere so angefangen 😉
Mir selbst tut es gut, einen solchen Gottesdienst als Besucher mitzubekommen – und gleichzeitig kenn ich ja auch die andere Seite. Dieses wuselige ist ja genau das, was Kinder brauchen. Trotzdem: es hat für mich mehr was von „Folklore“ und Theater als wirklich von „stille Nacht“. Und vorne zu stehen und eine Predigt zu versuchen, während alles laut ist und die meisten Eltern wahrscheinlich hauptsächlich (was ja irgendwie auch legitim ist) wegen des Krippenspiels ihrer Kinder gekommen sind… – ich will das nicht schlecht machen. Das „gehört ja nun mal so“. Aber inhaltlich da etwas zu transportieren, das ist nicht so ganz einfach.
Dennoch: unseren Kindern hat’s gefallen (wobei: Elisabeth hat leider den Gottesdienst bei ihrem ersten Weihnachten komplett verpennt und blieb zu Hause) – Samuel hat die Stimmung und die Lieder und auch das Krippenspiel mit „seinem Matze“ (Matthias Reinke ist Diakon in Pattensen und kennt Samuel über die Jungenjungschar) aufgesogen und es sichtlich genossen. Auch der ganze Trubel war ihm beileibe nicht zu viel.
Als wir gegen halb vier zurück waren, verflogen die beiden nächsten Stunden „irgendwie“ und dann gab es um halb sechs den Festschmaus. Dass wir alle danach noch aufrecht gehen konnten bzw. sitzen, ohne dass irgendwas reißt oder platzt… ein Wunder! 🙂
In dem Zusammenhang: wir waren mit Gästen 10 Personen. Das führte dazu, dass wir von vornherein schon in der weihnachtlichen Stube gewesen sind. Ich bin ja so (verwöhnt-luxuriös) aufgewachsen, dass es die „abgeschlossene Weihnachtsstube“ gab, wo wir erst zur Bescherung hinein durften – dies ist bei unseren Platzverhältnissen einfach nicht mehr drin. Schade – aber es gibt wirklich Schlimmeres! 😉
Nachdem dann alle Kinder kurz verschwinden mussten, haben wir alle Geschenke „unterm Baum platziert“, die Kerzen am Tannenbaum entzündet und alle her gerufen. Die Gitarre geholt, wurde „Oh Tannenbaum“ angestimmt und dann kamen alle in die nun doch weihnachtlich erleuchtete Stube – und dieser Blickfang ist dann doch einmalig. Es war wunderschön, zu sehen, wie die Kinderaugen geleuchtet haben und einfach eine riesen Freude den Raum belebte.
Mit Geschenke-Auspacken, immer mal wieder weihnachtliche Lieder singen (Charlotte schmettert bei „Ihr Kinderlein kommet“ schon ordentlich mit) und immer wieder „Freude-Ausbrüchen“ war die Zeit schnell gefüllt. Gegen 21.15h musste ich dann auch schon den Heiligabend in der Familie für mich beenden, da ich ja um 23h die Christmette in Fuhlsbüttel zu gestalten hatte. Im Auto hatte ich dann viel Zeit, den Tag noch mal „Paroli laufen zu lassen“, wie es einst der deutsche HSV-Philosoph Horst Hrubesch so schön formulierte. Für Yvonne hatte ich eine Weihnachtskarte gefunden, auf der stand, dass Weihnachten uns lehrt, dass das Unscheinbare das Wichtige ist – oder so ähnlich. Und ich dachte mir: ja, so ist es! So ist es von Gott her, denn ihm hat es gefallen, in der unscheinbaren Krippe im unscheinbaren Bethlehem in einem unscheinbaren Baby ganz klein zur Welt zu kommen und uns genau das zu zeigen! Oder wie es im kleinen Prinzen heißt „das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ – ist UNSCHEINBAR, macht für die Augen nicht viel her, beeindruckt nicht auf den ersten Blick, sondern erschließt sich dem Herzen, dem Glauben, der Liebe. Gott erschließt sich uns so – und genau das ist dann auch das Wesen von Weihnachten. Keine riesen Geschenke, sondern das kleine Kind in der Krippe, das zum riesen Geschenk wird, allen die sich davon anrühren lassen. – Und das Unscheinbare, irgendwie Alltägliche und dabei doch so Besondere hat zu unserer Weihnachtsfreude beigetragen: unser Baby, das gesund auf die Welt kam und nun ihr erstes Weihnachten erlebt. Unser Sohn, der „ganz unscheinbar alltäglich“ Weihnachten wie jedes Jahr mitfeiert – und doch wissen wir, dass das ganz und gar nicht selbstverständlich ist… und unsere beiden anderen Töchter, Katharina und Charlotte, die auch gesund, fröhlich, selbstbewusst ihren Lebensweg gehen bzw. entdecken – Wir werden beschenkt mit „Alltäglichkeit“ in diesem Jahr. Und natürlich AUCH mit dem Privilleg, einander auch mit guten, wertvollen Dingen beschenken zu können. Samuel hat sich in diesem Jahr besonders über sein neues (großes, Erwachsenen-)Cajon gefreut – und wir freuen uns mit, dass er weiterhin sein musikalisches Talent ausleben kann und darf und wird! 🙂
Die Christmette war gut. Sehr dankbar bin ich über die musikalische Gestaltung von drei Jugendlichen (bzw. „jungen Damen“) aus der Gemeinde, die mit Klavier, Querflöte und Geige eine fehlende Orgel mehr als ersetzt haben! Dankbar bin ich auch über die anderen, die – mehr oder weniger spontan – den Gottesdienst mitgestaltet haben: gelesen, Lichter ausgeteilt, gesegnet.
Um 3h nachts war ich im Bett – und glücklich über diesen Heiligabend. Samuel schlief in seiner neuen Bettdecke und auf seinem neuen Kopfkissen (auch das gab’s zu Weihnachten) in Katharinas Zimmer – einander nahe sein, auch nachts: das passt zu diesem Tag!
In den nächsten drei Tagen stehen ein Schlafanzug-Tag, ein Besuch bei den Großeltern und die Rückkehr nach Geessthacht auf dem Programm…
